Main-Spitze: Das Handy liegt jetzt immer bereit

Am 1. November 2018 hat Bernd Blisch sein Amt als Bürgermeister angetreten. Nun zieht er eine erste Bilanz.

Herr Blisch, in welchem Zustand haben Sie Ihren Arbeitsplatz als Bürgermeister bei ihrem Amtsantritt am 1. November vorgefunden?

Eine Übergabe fand ja nicht statt, die Schränke waren leer. Aber ich weiß auch nicht, ob vorher etwas drinstand. Gleichwohl ist es ja eine gut aufgestellte Verwaltung, in der es auch eine Aktenführung gibt. Bei Dingen, die die Stadt lange beschäftigen, wie RMD oder Flughafen, hätte ich es schön gefunden, wenn es Gespräche zur Übergabe und zu den bisherigen Positionen der Stadt gegeben hätte.

Sind Sie nach 100 Tagen komplett arbeitsfähig, oder gibt es noch Bereiche, in die sie sich hineinarbeiten müssen?

Ich hoffe, dass es keinen Bereich gibt, den ich noch gar nicht entdeckt habe. Das wäre ja auch komisch, wenn man drei Monate gar nichts damit zu tun gehabt hätte. Gleichwohl gibt es Arbeitsbereiche, Stichwort Krankenhaus, da gab es in den ersten hundert Tagen nicht viel Neues. Da kommt aber sicher noch eine Menge Arbeit auf mich zu. Ich versuche in der nächsten Zeit, überall einmal zu sein, etwa beim Bauhof, der Feuerwehr oder in der Kläranlage. Ich will mal zwei, drei Stunden mit einer Bauhofkolonne mitfahren, um deren Erfahrungen kennenzulernen.

Bilder: Immer noch im Provisorium. Bevor Bernd Blisch sein Büro in der Rathausvilla beziehen kann, wird es noch einige Zeit dauern. Fotos: Jens Etzelsberger

ZUR PERSON: Bernd Blisch (CDU) ist am 27. Mai 2018 im ersten Wahlgang zum Bürgermeister von Flörsheim und Nachfolger von Michael Antenbrink (SPD) gewählt worden. Am 1. November trat er sein Amt an. An diesem Freitag ist der promovierte Historiker seit 100 Tagen im Amt und zieht im Gespräch eine erste Bilanz. (etz)

Welches der Themen, in die Sie sich einarbeiten mussten, hat sich als besonders sperrig erwiesen?

Der Bereich Mülldeponie, RMD, MTR und GRKW – das ist nichts, wo man sagen kann: Zwei Entscheidungen und dann hat man ein Ergebnis. Da ist man auch nicht alleine verantwortlich, was es doppelt langwierig macht.

Mit welcher Einstellung Ihnen gegenüber haben Sie die Verwaltung vorgefunden?

Dadurch, dass ich von 1993 bis 2001 hier gearbeitet habe, war es in vielen Fällen ein herzliches Wiedersehen. Natürlich gibt es auch Beispiele, wo man sich noch annähern muss.

Wo haben Sie in ihren ersten 100 Tagen schon eigene Akzente setzen können?

Die städtische Baugesellschaft Terra ist für mich so ein Beispiel, wo ich ein bisschen stolz bin. Als ich im November kam, war das ein zerstrittener Aufsichtsrat, seit Sommer ist der Geschäftsführerposten nicht besetzt, das neue Rathaus noch nicht komplett abgerechnet, viele Fragen mit Firmen noch offen. Hier habe ich es über Gesellschafterversammlungen und Aufsichtsräte geschafft, dass es jetzt wieder Sitzungen gibt, die ohne Streit laufen. Wir haben jetzt eine Ausschreibung für einen Geschäftsführer auf den Weg gebracht, ohne dass groß gekämpft werden musste. Auch einige Grundstücksgeschäfte, die wegen des fehlenden Geschäftsführers nicht abgeschlossen wurden, auf die Privatleute aber dringend gewartet haben, konnten abgeschlossen werden. Wir haben Wege gefunden, bei denen alle mitmachen. Das rechne ich mir schon ein bisschen an. Da hat der Umgang miteinander dazu geführt, dass es zu Ergebnissen kam.

Im Rahmen des abgespeckten Kulturprogramms wird das Kunstforum gar nicht mehr bespielt. Hat der Ausstellungsraum noch eine Chance, wiederbelebt zu werden oder gibt es schon alternative Konzepte?

Ich denke, das Kulturforum soll wieder bespielt werden. Mit welchen Konzepten muss man sehen. Dass es im aktuellen Veranstaltungskalender fehlt, hat damit zu tun, dass wir schnell ein Kulturprogramm auflegen wollten, um zu zeigen, dass etwas passiert. Für die Konzeption von Ausstellungen war das einfach zu kurzfristig. Wenn der Haushalt genehmigt ist, wird es auch ganz normal mit dem Kulturforum weitergehen. Gleichwohl kann man überlegen, ob neben Kunst auch historische Aspekte dargestellt werden, wie es schon teilweise der Fall war.

Der mangelhafte Zustand des öffentlichen Grüns war einer der Schwerpunkte ihres Wahlkampfs. Wird die Stadt in diesem Jahr gepflegter werden.

Ich hoffe es. Es steht für verschiedene Grünflächen Geld im Haushalt. Es wäre mir schon wichtig, dass man etwa den Stadtgarten grundlegend angeht. Auch am Mainufer werden hoffentlich die ersten Akzente gesetzt werden können.

Wurde dafür neues Personal beim Bauhof eingestellt oder gab es Umschichtungen?

Ich sehe im Haushalt, so wie er jetzt ist, nicht so viele Möglichkeiten für Neueinstellungen beim Bauhof. Man könnte den Bauhof aber an anderen Stellen entlasten, etwa mit der stärkeren Einbindung der Vereine bei Sommerfest oder Weihnachtsmarkt, um mehr Zeit für die Pflege der Stadt zu haben.

Haben Sie schon Grünflächen für Ihre Urban-Gardening-Idee identifiziert und weitere Schritte unternommen?

So konkret ist es noch nicht. Es gibt aber immer wieder Ecken, bei denen man sich Gedanken um eine neue Nutzung machen kann. Spielplätze, die aktuell nicht genutzt werden, könnten so in die Hände der Bürger gegeben werden.

Gibt es Neuigkeiten in Sachen Gewerbeansiedlungen?

Es gibt ein paar Anfragen, die zumindest keine Speditionen sind, und in einiger Zeit wohl auch konkreten Bedarf, wo Standorte innerhalb der Stadt verlegt werden sollen. Der große neue Gewerbesteuerzahler ohne Verkehrsbelastung hat sich noch nicht gemeldet.

Sie haben angekündigt, die Verwaltung werde in den Stadtteilen wieder präsenter sein, Stichwort Bürgerkoffer. Wann ist hier mit Ergebnissen zu rechnen?

Der Bürgerkoffer ist in den 100 Tagen noch nicht gekauft, aber zumindest macht der Bürgermeister schon Sprechstunden in den Stadtteilen. Dazu gibt es auch schon die ersten Anfragen von Bürgern.

Wann nimmt der angekündigte Vereinsreferent seine Arbeit in der Verwaltung auf?

Das kann ich noch nicht genau sagen. Die ersten Gespräche mit Mitarbeitern dazu sind geführt, es gibt auch schon Signale, dass es jemand gerne machen würde. Es wird sicher noch in diesem Jahr entschieden, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Neubesetzung des Ersten Stadtrates.

Was gibt es Neues in Sachen Marienkrankenhaus?

Ich habe in der vergangenen Woche mit dem Geschäftsführer gesprochen. Neue Entwicklungen gibt es nicht, aber das Verhältnis zwischen Stadt und Marienhaus GmbH ist vertrauensvoll. Wir wissen, dass es nur gemeinsam geht, wenn wir hier etwas entwickeln wollen. Es gab verschiedene Vorstellungen für die weitere Nutzung. Manches konnten sich die Fraktionen vorstellen, anderes nicht. Spruchreif ist aber noch nichts von allem.

Was haben Sie in den ersten Monaten im Amt gelernt?

Dass ich Tag und Nacht über mein Handy erreichbar sein sollte. Das habe ich bei dem großen Brand in der Weilbacher Industriestraße gelernt, als ich informiert wurde. Neben der Feuerwehr war auch der Bürgermeister gefragt, als es darum ging, Unterkünfte für die Menschen zu finden oder einer Firma Lagerflächen für ihre Akten zur Verfügung zu stellen. Die Bewohner sind glücklicherweise bei Angehörigen untergekommen, bei der Firma konnten wir helfen. Ich fand es klasse, wie die Leute von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst arbeiten.

Wie viele Stunden hat Ihre Arbeitswoche?

Das kann man in Stunden gar nicht so genau sagen. Es geht sieben Tage die Woche durch. Wenn jemand ganz von außen kommt und Flörsheim nicht kennen würde, für den wäre der Senatsabend vielleicht volle Arbeitszeit. Wenn man nicht ganz so fremd ist, ist das weniger als Arbeitszeit zu werten. Ich hätte wahrscheinlich auch als Privatperson dabei gesessen, nur eben ein paar Stühle weiter hinten. Wenn man alles als Arbeit sehen würde, dürfte man es nicht machen.

Das Interview führte Jens Etzelsberger.

Quelle: Wiesbadener Kurier vom 8. Februar 2019

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