mein offener Brief bzgl. Stolpersteine in Flörsheim

Sehr geehrter Herr Mehler,
geschätzte SPD-Flörsheim,

in einem Presseartikel schreiben Sie von Ihrer Verwunderung, dass ich – Bernd Blisch – das Projekt „Stolpersteine“ unterstütze. Da Sie mich nun im Artikel namentlich direkt ansprechen und kritisieren, erlaube ich mir, auch sehr direkt und persönlich zu antworten:

1978 – damals war ich 15 Jahre alt – konnte ich bei einer England-Reise einen Tag mit Brigitte Selby, geborener Kahn, verbringen. Sie war das einzig überlebende Familienmitglied der Flörsheimer Familie Kahn. Meine Großmutter war bei Familie Kahn „in Stellung“ (wie man früher sagte), der Kontakt war auch während und nach der Nazi-Zeit nie abgebrochen. Den Tag im April 1978, angefüllt mit den Erinnerungen von Frau Selby, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Er hat mich für mein späteres Leben geprägt. Dass ich schließlich Geschichte studiert habe, hat vielleicht auch etwas mit diesem Tag und Brigitte Selby, geborener Kahn, zu tun.

1983 haben wir von der Katholischen Jungen Gemeinde eine Mahnwache vor den Häusern gehalten, in denen in der Pogromnacht bzw. dem Tag danach schreckliche Dinge geschahen. Wir hatten vorher in Gesprächsrunden mit Heinz-Josef Großmann und Eduard Schwerzel diskutiert und waren für uns zum Ergebnis gekommen: Wir wollen klar machen, die Dinge, die damals passierten, geschahen mitten in der Stadt, mitten unter den Nachbarn und früheren Freunden.

Seit diesen Jahren gibt es kein Projekt zu diesem Thema, das ich nicht persönlich unterstützt hätte oder unterstützen würde, so man es von mir wünscht: Ich habe mitgearbeitet bei den Begegnungswochen mit ehemaligen Mainzer  und Flörsheimer Juden und bin noch heute stolz darauf, dass ich Lotte Altmaier mit ihrem Mann und danach das Ehepaar Hecht, ebenfalls ehemalige Flörsheimer Juden, durch meine Stadt führen durfte. Auch als die SPD dann später zu jährlichen Mahnwachen in der Synagogengasse aufrief, war ich meistens Besucher, gelegentlich sogar Redner, bei der Veranstaltung.

Deshalb war es auch für mich keine Frage, dass ich das Stolperstein-Projekt unterstützen würde:

Wir haben in Flörsheim mehrere Mahnmale und -tafeln, die an die Verbrechen an den Flörsheimer Juden erinnern:  auf dem jüdischen Friedhof (1947 eingeweiht), auf dem neuen Friedhof (1994), an der Synagogenwand (2008/16);  wir haben Straßen und Gebäude, die an jüdischen Familien oder Personen erinnern.

Kein zukünftig verlegter Stolperstein wird die Aussagen dieser Mahnmale oder Gedenktafeln schwächen. Es geht  bei dem Projekt um die Markierung  authentischer Orte: Wer hat wo gelebt?  Es entsteht, wenn das Projekt gelingt, etwas, das die jüdische Historikerin Dr. Noga-Banai als „imaginären Stadtplan des Verlustes“ bezeichnet hat. Dabei reicht das Stolperstein-Projekt allerdings weit über die Aussage der Gedenktafeln in der Synagogengasse hinaus. Es ist ein Projekt für alleOpfer des Nationalsozialismus. Es erinnert genauso an die Euthanasie-Opfer wie an die in Flörsheimer Zwangsarbeiterlagern gestorbenen Russen und Ukrainer.

Und eines lernt man auch als Historiker: Kein Mensch hat eine Deutungshoheit auf ewige Zeit. Jede Generation  muss sich ihren Umgang mit der Vergangenheit selbst neu erarbeiten. Folgende Generationen stellen neue und auch andere Fragen, mit dem Hintergrundwissen ihrer jeweils aktuellen Zeit.  Ich freue mich, dass sich jüngere und junge Menschen heute dieses großen Themas des „Zivilisationsbruches“ annehmen, wie ich es seinerzeit für mich gemacht habe.  Deshalb habe ich, als ich gefragt wurde, meine Unterstützung nicht verweigert, stehe auch mit Rat und Tat zur Seite. In rund 1100 Orten in Deutschland, darüber hinaus in zwanzig weiteren europäischen Ländern sind übrigens bislang rund  61 000 Stolpersteine verlegt worden.

Einladungen an die SPD haben nie gefehlt. Ich würde mich persönlich freuen, wenn Sie, Herr Mehler, und andere SPD-Mitglieder das Projekt unterstützen würden, wie es jetzt schon viele Bürgerinnen und Bürger tun.

Um es klar zu stellen: Kein Stolperstein nimmt natürlich den Erinnerungsplaketten in der Synagogengasse ihre Würde, aber jeder Stein, der verlegt wird, holt uns unsere ehemaligen Bürgerinnen und Bürger zurück – aus der Anonymität in die Erinnerungskultur unserer Stadt.

Mit besten Grüßen

Dr. Bernd Blisch

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